samedi 26 novembre 2011

Oberkörper

Gleich nach dem Kopf ist der Oberkörper das Edelste. Schneidet man den Kopf ab, ist der Oberkörper überhaupt das Edelste. Alles Unanständige, alles dem Tierischen verpflichtete, klebt am Unterkörper, den man deshalb besser bedeckt hält. Zumindest, was den Mann angeht. Frauen hilft das weniger: Diese tragen mitten auf dem Oberkörper – und „tragen“ ist hier das passende Wort – was man eigentlich weiter unten vermuten würde, bei den übrigen Schamhaftigkeiten, weil es auch an das Tier im Menschen erinnert. Allerdings eigentlich erst ab einem gewissen Alter. In der Jugend noch nicht so ganz. Es haben beispielsweise die Griechen aber auch den jungen Mädchen ein Fetzchen übergestreift, eine Art nasses T-Shirt, und nur der männliche Torso durfte ganz nackt bleiben. Aber bei Typen durfte ja überhaupt alles nackt bleiben, selbst untenherum. Die alten Griechen eben, klar.

Seit Thomas Mann – und der war kein alter Grieche, obwohl er manchmal so tat – ist aber allein der Oberkörper das Edelste, oder vielmehr Schönste, es gibt da ein Zitat. So unglaublich schön und so häufig. Ganze Jahrgänge HJ, um ein wenig in der Zeit zu bleiben. Da war Thomas Mann aber vielleicht schon anderswo. Wo es auch Ferienlager gibt. Denn an einen älteren Herrn wie mittlerweile er selber, daran dachte Thomas Mann bei seiner Bemerkung wahrscheinlich nicht. Aber wer weiß. Eventuell war er ja noch ganz ordentlich erhalten und sah sich bei der Morgentoilette zufrieden im Spiegel an, ließ sogar ein wenig seine Muskeln spielen, dieser eitle Thomas Mann, pfui, schämen soll er sich. „Das grenzt nun schon an üble Nachrede!“ ruft mir von hinten eine Gestalt zu, die sich neuerdings lieber unter Kleidung versteckt. Mag sein, ich ziehe zurück.

Jedenfalls haben wir uns nun schon einigermaßen vom Thema entfernt. Und doch ist und bleibt der Oberkörper das Edelste an einem Menschen, sobald man diesem Menschen den Kopf abgeschnitten hat. Oder, um es etwas weniger brutal auszudrücken: beim Ausgraben ganz einfach nicht mitgefunden hat; hin und wieder findet man den Kopf ja dann doch noch und kann ihn hinterher draufsetzen, welch geradezu wunderbare Fügung, denn die Regel ist das nicht.

Der reine Oberkörper also, der klassische Torso: Zwei Brustwarzen, wie Augen – klein und zugekniffen, oder auch große braune Glotzaugen – gegebenenfalls Muskeln als Lachmuskulatur, und als kleines rundes Mündchen der neckische Nabel. Statt Ohren gehen rechts und links die nützlichen Arme ab. Nur die Nase fehlt. So ganz kann der Oberkörper also doch mit dem Kopf nicht mithalten. Aber weitgehend. Auf alle Fälle mehr als der Unterkörper mit seinem Gehängsel und den mehreren Ausgängen. Dem fehlen ja sogar die Augen, dass er etwa sehen könnte, was ihm zuweilen an eigentlich Unverdientem zustößt. Das ist ziemlich schade, oder aber ein rechtes Glück – falls man einen Zug zu blindem Genießertum hat.

23. Februar & 24. November 2011