1. Vergängliche Schönheit
Gleich neben dem Metroausgang befindet sich ein Obst- und Gemüseladen, in dem man bei Bedarf auch spätabends noch Obst und Gemüse bekommt. Geführt wird der Laden von einem alten Tunesier, dem jeweils wechselnde jüngere Mitglieder seiner offenbar weitverzweigten Familie beistehen. Der Laden ist hell erleuchtet, sehr hübsch mit all dem Obst und Gemüse, und besonders hell erleuchtet war er, als ein besonders hübsches Familienmitglied aushalf. Besonders hübsch und außerdem mit einer angenehmen Art, den Kunden hochzunehmen. „Nutzen Sie die Gelegenheit, denn ich bleibe nicht lange!“ schien sein Zwinkern zu bedeuten, und so manche Kundschaft ließ sich das nicht zweimal sagen und kaufte fortan besonders häufig Obst und Gemüse ein. Tatsächlich blieb dieser Verkäufer auch nicht lange.
Im Waschsalon fünfzig Meter weiter unten war es ähnlich. Zwei Brüder. Es blieb der mit der Hasenscharte. Schönheit hält sich eben niemals länger in unserer Vorstadtstraße auf. Augenblicklicher Star ist der neue Augenarzt mit dem italienischen Namen; ich kenne ihn leider nur vom Hörensagen. Mal sehen, wann ich eine neue Brille brauche, und mal sehen, wie lange es dauert, bis auch er wie der hinreißende Zahnarzt nach Nizza verschwindet. Denn die Regel gilt für alle Branchen.
Schönheit ist vergänglich, vor allem im Jammertal – das steht schon so im Prediger Salomo. Genieße sie, wenn du sie findest, sie ist auf dem Sprung. Aber wo genau sie sich hinverzieht, wenn es sich um einen Obst- und Gemüseverkäufer handelt, weiß ich auch nicht so recht. Bei jungen Augenärzten, klar, ist die Prognose einfacher.
Schönheit tut ja nur so, als sei sie des Irdischen enthoben. Kein Obst- und Gemüseverkäufer, kein Augenarzt – nur Schöne... so erscheint es im Moment der Offenbarung. Hinterher stellt man sich allerdings wieder Fragen. Göttliche Schönheit behält jedenfalls ihr Geheimnis, was die Problematik des Entführens – das heißt: das Wohin des Entführtwerdens – angeht. Zwingendes Begehren, Zeus und Ganymed nach wie vor, doch einen Olymp findest du keinen mehr, so weit sind wir nun schon. Sie haben wohl nicht unrecht, die da meinen, das Jammertal sei Epiphaniens einziger Topos. Es würde sich also kaum lohnen, von hier wegzuziehen. Warum hauen dann die schönen Menschen aber immer so schnell ab?
2. Stilfragen
Es herrscht hier grässliche Wohnungsnot.
Leute, die per Internet Zimmer suchen, namentlich Zimmer in Wohnungen, verschönern ihre Anzeige mit einem möglichst vorteilhaften Bildnis von sich, so als wäre das Facebook, muskulösere Herren erscheinen auch schon mal mit entkleidetem Oberkörper. Unter dem Alter steht sinnigerweise gleich die sexuelle Ausrichtung: meistens brav hetero, aber auch wurschtegal und schwul. Bevor man einen Artgenossen einfach in seinen Bau lässt, überlegt man sich das ja. Und ist der Mit- oder Untermieter wohlgestaltet, kann das der häuslichen Intimität nur zum Vorteil gereichen. Die gemeinsame Badbenutzung hat natürlich ihre Licht- und Schattenseiten. Zu sehr sollte der Neuankömmling dann doch auch nicht auf sein Äußeres bedacht sein.
Die Leute, die sich so anbieten, suchen jedenfalls eine Unterkunft. Hat nichts mit Leuten auf Partnersuche zu tun, die unglückseligerweise gerade ein kleines Problem haben und plötzlich mit ihren Siebensachen vor der Tür des neuen Freundes stehen. Die gibt es neuerdings immer häufiger in diesen Breiten, und es kann sehr schnell gehen; zuweilen genügt eine einzige Nacht im Liebesrausch und da haben wir den Salat. Es ist das einfach alles eine Frage des Stils.
Studiert man die Annoncen, hat die Spekulation auf dem Immobiliensektor unmittelbar Einfluss auf den Triebhaushalt der im Mietverhältnis stehenden Parteien. Ich würde gerne hin und wieder ein paar meiner Quadratmeter zur Verfügung stellen, das Angebot ist effektiv zu verführerisch, doch da ich leider auch dem Druck des Marktes unterliege, verzichte ich jedes Mal am Ende darauf. Zwischen meine Buchregale mag ich dann doch niemanden quetschen.
3. Kein Waldspaziergang
Für einen zünftigen Waldspaziergang ist das nicht der Ort. Waldspaziergänge brauchen echten Wald, und den haben wir hier nicht. Dafür mehrere größere Parks, fast Naturparks. Parkspaziergänge sind also kein Problem, und im Übrigen auch recht interessant. Zu manchen Stunden stößt man auf Wesen, die in der freien Natur ihrer Natur freien Lauf lassen. Meistens sind es Männchen; Weibchen haben einfach weniger Beziehung zum Leben in Freiheit.
An einen richtigen Waldspaziergang kommt das dennoch nicht ran, es fehlt ganz einfach des Erhebende. Normaler Wald, die rauschenden Höhen und so weiter, all das erhebt nämlich; doch das Einzige, was beim Parkspaziergang ein klein wenig erheben könnte, ist knisterndes Unterholz und dahinter möglicherweise der menschliche Sumpf, auf den man bei dieser Karikatur eine Naturbegehung stößt. Widerliche menschliche Niederungen, erhebend allein durch die komplizierten Gedanken, die sich jeder auf seine Weise dazu machen mag. Denn Gedanken macht man sich, auch wenn man selbst den Stadtwald nicht auf diese Weise in Anspruch nimmt. Die meinigen sind stets auf das Ästhetische beschränkt und ernüchternd. Aber was habe ich denn um Himmelswillen erwartet? Nichts habe ich erwartet, und deshalb dürfte ich eigentlich auch nicht ernüchtert sein. Es gibt ohnehin schon überall Wirklichkeit, also warum nicht auch hier? Doch etwas Mitgefühl, bitteschön! Daran mangelt es mir.
Eigentlich empfinde ich bei so einem Parkspaziergang überhaupt nichts, aber ich achte vielleicht ganz einfach nicht genügend auf das, was sich über mir abspielt.
Feldstecher hat man nicht dabei; zu was sollte der auch gut sein? Flinte ebenso wenig, und noch nicht einmal den gehorsamen Dachshund. Wild darf schon etwas wildeln, doch – so lautet der Fluch halben Unbeteiligtseins – was man hier zur Strecke bringen könnte: dieses Fleisch ist schon abgehangen, wenn es noch frei herumläuft. Doch das ist ja auch kein echter Wald.
Trois petites proses
1. Beauté fugitive
Juste à côté de la bouche du Métro se trouve un magasin de fruits et légumes où l’on peut acheter, au besoin, des fruits et légumes même tard le soir. C’est un vieux Tunisien qui le gère, assisté à tour de rôle par de jeunes membres de sa famille manifestement fort étendue. Le magasin est très bien éclairé, c’est très joli avec tous ces fruits et légumes ; et il était particulièrement bien éclairé lorsqu’un membre particulièrement joli y officiait. Particulièrement joli, et une façon agréable de chambrer le client avec ça. « Profitez-en, je ne resterai pas longtemps ! » semblaient signifier ses clins d’œil, ce que certains clients ne se laissaient pas dire deux fois, se mettant à acheter fruits et légumes particulièrement souvent. En effet, le vendeur ne restait que peu de temps.
À la laverie automatique cinquante mètres plus bas, c’était la même chose. Deux frères. Resta celui au bec de lièvre. La beauté ne demeure jamais longtemps dans notre banlieue miséreuse. La star actuelle est un jeune ophtalmo au patronyme italien, je ne le connais malheureusement que par ouï-dire. Allons voir quand j’aurai besoin de nouvelles lunettes, et allons voir combien de temps cela prendra avant qu’il ne fasse comme le ravissant dentiste parti à Nice. Car la règle est valable pour toutes les branches.
La beauté est fugitive, surtout dans la vallée de larmes – ce sont là les mots de l’Ecclésiaste. Jouis-en lorsque tu la rencontres, elle se fait déjà la malle. Mais où se barre-t-elle au juste lorsqu’il s’agit d’un vendeur de fruits et légumes, je ne le sais pas trop non plus. Dans le cas d’un jeune ophtalmo, le pronostic est bien sûr plus simple.
La beauté ne fait que feindre d’être affranchie de la lourdeur terrestre. Pas de vendeur de fruits et légumes, pas d’ophtalmologue – seulement des êtres beaux... c’est ainsi que cela se présente au moment de la révélation. Après, on se pose à nouveau des questions. La beauté céleste garde en tout cas son mystère quant au problème du rapt : qui saurait dire vers où s’envole le beau ? Toujours du désir impérieux, toujours Zeus et Ganymède, mais un Olympe introuvable, nous en sommes bien là. Ceux qui prétendent que la vallée de larmes est le seul lieu où l’épiphanie est possible, sont peut-être dans le vrai. En déménager ne vaut donc guère la peine. Mais pourquoi tous ces beaux êtres en foutent-ils alors le camp aussi vite ?
2. Questions de style
Il y a ici une terrible pénurie de logements.
Les gens qui recherchent par internet des chambres, notamment des chambres dans des apparts, agrémentent leur annonce d’un autoportrait photogénique, comme si c’était Facebook, des messieurs plutôt musclés représentés parfois torse nu. Après l’âge on mentionne judicieusement l’orientation sexuelle : le plus souvent sagement hétéro, mais aussi je-m’en-branle et gay. Parce que, avant de laisser entrer un congénère dans sa tanière, on réfléchit. Et si le colloc ou sous-loc est bien fait, l’intimité domestique en profite. Certes, l’utilisation commune de la salle de bains a ses avantages et ses contraintes. Il ne faudrait pas non plus que le nouveau venu s’occupe trop de son apparence.
Les gens qui se proposent ainsi cherchent cependant un logement. Rien à voir avec des gens à la recherche d’un partenaire qui, malencontreusement, viennent d’avoir un petit problème et débarquent tout à coup chez le nouvel ami avec leurs affaires sous le bras. Ces temps-ci, c’est de plus en plus courant sous ces latitudes, et cela peut même arriver assez vite, une seule nuit d’ivresse peut suffire et le mal est fait. Tout ça est simplement une question de style.
À étudier l’iconographie de ces annonces, la spéculation immobilière a un impact immédiat sur l’économie pulsionnelle des parties en relation de loyer. Moi, ci et là, je baillerais volontiers quelques-uns de mes mètres carrés, l’offre est en effet trop tentante, mais étant hélas moi-même soumis aux pressions du marché, invariablement j’y renonce à la fin. Je ne voudrais quand même pas coincer la personne entre mes étagères à bouquins.
3. Pas de promenade en forêt
Ce n’est pas le lieu pour une bonne promenade en forêt. La promenade en forêt a besoin d’une forêt, et nous n’en avons point ici. Par contre, nous nous félicitons de quelques grands parcs, presque des parcs naturels. La promenade en parc n’est donc pas un problème, et du reste tout aussi intéressante. A certaines heures on y rencontre des créatures qui, dans la nature libre, laissent libre cours à leur nature. Le plus souvent ce sont des mâles ; les femelles, paraît-il, n’ont pas de rapport suffisant à la vie dehors.
Pourtant, rien à voir avec une vrai balade forestière ; il y manque l’élévation de l’âme. La forêt ordinaire, ses cimes bruissantes, ont tendance à élever l’âme humaine ; or, la seule chose qui pourrait l’élever dans un parc, ce sont les sous-bois craquants et, derrière eux, les bas-fonds humains repérables lors d’un tel face-à-face avec la nature caricaturale. De bien ragoûtants bas- fonds, élevant l’âme uniquement moyennant les pensées compliquées que chacun se fait à sa manière. Car on ne cesse de penser, même dans un parc, et même si l’on en use autrement. Mes pensées à moi sont toujours limitées à l’esthétique et tout autant désillusionnées. Mais bon ciel, à quoi m’attendais-je ? À rien, certes, je ne devrais donc pas être désillusionné. Puisque le réel est partout, pourquoi pas ici ? L’on me prie d’avoir quelque compassion ; c’est bien ça qui me manque.
En fait, je n’éprouve rien lors d’une de ces promenades en parc, mais peut-être ne fais-je simplement pas assez attention à ce qui se passe au-dessus de moi.
On y va sans jumelles, elles n’auraient pas d’utilité. Pas non plus de carabine, et même pas la compagnie du brave chien obéissant. Il y a là la malédiction de celui qui n’est concerné qu’à moitié : S’il est normal que le faisan se fasse faisander, le gibier que l’on pourrait prendre ici sent déjà le fumet lorsque la bête court encore. Mais ce n’est pas une véritable forêt.
4 Janvier 2011
Aucun commentaire:
Enregistrer un commentaire