So etwas passiert ihm immer häufiger.
Er blieb, obschon wach, noch eine Zeitlang im Bett und vertrödelte seinen Morgen wieder einmal damit, an verflossene Liebschaften zu denken und Reue zu empfinden. Sentimentalische Reue und regelrechten Ärger über die Verflossenheit. Denn diese Liebschaften waren allesamt blutjung und wunderschön. Das haben solche Liebschaften ja an sich und macht das Verflossensein nach Jahrzehnten auf einmal ärgerlich: Sie sind und bleiben blutjung und wunderschön. Er hatte sie schließlich schon sehr lange aus den Augen verloren, und selbst dann, wenn er einer seiner verflossenen Liebschaften nach Ewigkeiten zufällig begegnet war und, ungeachtet aller Freude, doch in erster Linie Erschütterung empfunden hatte, wie sehr diese Liebschaft mittlerweile an Jugend und Schönheit verloren hatte, schwand ihm das bald wieder aus dem Gedächtnis. Jawohl: Ohne den geringsten Willensakt seinerseits und zudem in Windeseile war die gealterte Person in ihren Urzustand zurückgeführt, sozusagen repariert und erneut in dem Zustand körperlicher Perfektion, in dem sie laut Ambrosius dereinst vor ihrem Schöpfer stehen wird, damit sie auch ihm in seinen Morgenträumereien wieder so erscheinen konnte, wie sie in den Zeiten der Liebschaft gewesen war, also damals, als sie das Geliebtwerden noch verdient hatte. Denn sonst hätte man sich ja nur wundern können.
Besagte Liebschaftserinnerungen haben keinerlei moralischen Wert, aber er schätzt seine Empfindsamkeit eben sehr, und auch das eventuelle vage Unwohlsein, weil er letztendlich ein ziemlicher Mistkerl ist – auch nicht besser als andere Leute, die das Vergehen von Jugend und Schönheit nur sich selbst verzeihen.
11. Mai 2013 [Verflossene Liebschaften II]
samedi 24 août 2013
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