jeudi 24 septembre 2015

Ringautobahn

Unter gewissen Wind- und Witterungsbedingungen hört man als Generalbass die Ringautobahn: ein gleichmäßiges, unablässiges Dröhnen, das erst eine andere Windrichtung wieder verstummen lässt. Sie zieht sich wie ein Schlossgraben um die Stadt, diese Autobahn, und – ich kenne sie nur zu gut – ist häufig verstopft. Das Dröhnen ist also zwar gleichmäßig, doch es fließt oft nur stockend auf ihr. Da der Verkehr stark zugenommen hat, fehlen ein paar Fahrspuren, doch ist kein Platz für Erweiterung im Graben. Sie erinnert an überlastetes Leben, an ein vor Tatkraft wie verstopftes, weil dem bei all der geballten Geschäftigkeit auch quasi Fahrspuren fehlen. Aber gibt es denn nicht auch noch ziemlich leere Formen des Daseins? Dann sind drei oder vier Spuren freilich überflüssig, und schon zwei sind Luxus, eine einzige genügt – also überhaupt keine Ringautobahn, sondern höchstens ein schmales Gässchen, meinetwegen mit Kopfsteinplaster, durch das man ganz behutsam zuckelt, Kleinigkeiten bemerkend. Dabei geht es auf der verstopften Autobahn an den meisten Tagen kaum schneller voran; nur drängt es einen dann. Zu viel Leben schafft innere Ungeduld, und dennoch gibt es dabei wenig zu bemerken.

Solches denke ich, wenn ich bei mir das Dröhnen höre, dieses gleichmäßige und unablässige, solange dem Wetter danach ist.

16. August 2015

mercredi 16 septembre 2015

Religionsfindung

In finsterer Nacht dringt meine Hand ein klein wenig in den Spalt an der schlafenden Rückseite. Die Hand, nur sie, und dennoch eine kleine Überraschung, die zwar mich quasi aufweckt, nicht jedoch diese Rückseite neben mir, denn dazu reicht so etwas nicht.
Und so dringe ich nun noch ein wenig, so halbwegs wach wie halbwegs absichtlich, so als hätte ich gewissermaßen Regelrechtes in petto, gar ein uraltes Ziel wiederfindend, insofern es sich anbietet. Weil unter solchen Umständen aber höchstens das Uralte, nicht jedoch wirklich Zielführendes stattfinden kann (und von „in petto“ tatsächlich kaum zu reden ist), entfernt sich diese Hand dann wieder und erschlafft. Es folgt, das ist richtig, eine kleine, durchaus wahrgenommene, Enttäuschung – das Ergebnis allzu lauen Begehrens.

Ob von hinten oder vorne: auch die selbstgeformten Gottheiten enttäuschen, laufen mir noch die Gedanken davon. Es werde dann zwangsläufig ein Kult aufgegeben und... gleich ein anderer gebastelt. Bei mir sei das eigentlich nicht vorgekommen, es dürfte allerdings verstörend sein, fährt es in meinem Innern fort, enttäuscht seine alten Illusionen aufzugeben, meist ja schon der Kinderglaube, und durch etwas Neues zu ersetzen – in der sehr regen Hoffnung, das enttäusche jetzt nicht auch. Denn sehr rege müsse die Hoffnung sein, sonst erfände man schließlich nichts Neues und errichtete sich keine neuen Idole, vor denen man sich in den Staub zu werfen vorhabe.

Die Rückseite neben mir schläft dabei unbeirrt weiter, es ist immerhin nichts geschehen. Sie hat nichts bemerkt in ihrer mangelhaften oder auch übertriebenen Gotthaftigkeit, als reiner heiliger Spalt, vor dem man sich auf der bequemen Matratze nur überhaupt nicht in den Staub wirft, sondern in den man sich ohne Ehrfurcht vielleicht automatisch hineinzustreicheln gedenkt. Hat nichts bemerkt, nicht auf gewisses Drängeln reagiert, dieser warme, weiche und absolut situationsgerechte Spalt, und nur meine kleine Regheit ist dahin – schon im Keim erstickt, im Ansatz abgewürgt, ertränkt in der Wiege und im Ei bereits zunichte gemacht. Da kann es auch gleich ohne lockende Rückseite weitergehen.

Und damit trete ich Ungläubiger selbst wieder ganz in den Schlummerzustand des Verlockenden ein, eventuell auf einen warmen, weichen und absolut situationsgerechten Traumspalt noch hoffend. Denn derart ist es beschaffen, das allgemeine Religionsfindungsprinzip, und sei’s in der Wahrheit der finstersten Nacht.

25. August 2015