samedi 21 janvier 2012

Anglerglück

Ich lese Raymond Carvers Gedichte. Diesen Gedichten zufolge verbrachte er die beste Zeit seines Lebens beim Fischen in der Einsamkeit. Ob er außer seinen Gedichten auch Fische von seinen Ausflügen zurückbrachte, geht aus den Gedichten nicht hervor.

Ich, der ich keinerlei Angelerlebnisse vorzuweisen habe, ja kaum über die Geheimnisse eines echten Männerdaseins auf dem Laufenden bin, beneide diesen Menschen um die mystischen Naturerfahrungen und sozusagen gesunden tiefen Empfindungen, doch frage mich, ob sie nicht damit zusammenhängen, dass er seine Gedichte veröffentlichen konnte, und ob die (gesunde) Erfahrung der Einsamkeit nicht gewissermaßen auf deren Abwesenheit in den (ungesunden) amerikanischen Metropolen beruht – also genau darauf, dass sie beneidet wird. Ob ein Dichter sonst nur Fische, aber keine Gedichte vom Fischen nach Hause brächte, und alles andere unausgedrückt bleiben müsste, weil es jedenfalls unausdrückbar ist, und dann doch irgendwie ausgedrückte unausdrückbare Nebenumstände letztlich bloß der Nichtangler Bedürfnisse nach sinnvollen Wochenendbeschäftigungen stillen; da wird zur Not eben über das Angeln gelesen. Ob Raymond Carver also nicht schlicht anstelle seiner Leser zum Angeln gegangen ist, und – hätte er keine Leser in Aussicht gehabt – zwar das Angeln nicht hätte bleiben lassen, aber den Mund darüber gehalten hätte, weil Lachse, Stahlkopfforellen und angelnde Angler schließlich auch nichts sagen. So aber plaudert er quasi Geheimnisse aus.

Schwärmt ein Dichter hinterher von Natur (genauer: von seiner Natur), ist daran nichts Unmoralisches, doch es wären Faktoren außerhalb der Natur und außerhalb des Gedichteschreibens, die das Schreiben solch schöner Naturgedichte erst ermöglichen.

30. Dezember 2011 & 21. Januar 2012

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