vendredi 16 novembre 2012

Naturgerausche

Saß am Wasser und schwieg.

Es ist etwas anderes, ob man am Wasser sitzt und schweigt, oder am Wasser sitzt und quasselt. Sitzt man am Wasser und weint, ist das Wasser ein babylonisches, das Weinen unter Umständen ein – wie die Amerikaner sagen – „Kwetschen“ (warum dazu gerade auch am Wasser Gründe bestehen können, sehen wir gleich), das Ganze eine antike Erinnerung an zerstörte Tempel, und zählt hier nicht. Weil wir es mit der Neuzeit zu tun haben, und der einzige vernichtete Tempel derjenige der Stille ist.

Wasser gebietet nämlich das Schweigen; und darum stört es so, wenn sich plötzlich ein paar Komiker ebenfalls auf das Stück künstlichen Fels, an dem ein künstliches Bächlein vorbeirinnt, auf ihre echten Hintern setzen, zwar genauso die Füße zum Wasser strecken, jedoch umgehend zu quatschen beginnen. Es gibt hier nicht viele solcher Kunstfelsen, und man kommt dem Urelement nur selten so nah, sie wollen einen also vertreiben, das ist klar. Einen: mich und die Person, die neben mir schweigt und samt umspielten Fußzehen zu mir gehört. Anderswo würde das Menschengeplapper kaum stören, wir würden sogar die Ohren spitzen; an dieser städtischen Erholungsmöglichkeit mit ihren wenigen das Wort verschlagenden Schönheiten allerdings nicht, sonntags gilt hier das Faustrecht um jede mystische Oase, und das wissen die Leute.

Sie werden wohl auch mit dem Schweigen beginnen, sobald wir außer Hörweite sind. Zu was sonst sollten sie sich die Oberhoheit über Loreley erstritten haben? Undenkbar, dass zwei hominide Spezies auf so geringer Fläche überlebt haben. Denn das Wasser ist nicht für alle da. Für Schwätzer nicht, die braucht es nicht, plätschern kann es selber, und sogar betonierte Kaskädchen hinunter, und so beredsam noch in der Künstlichkeit, dass man angesichts der Sprache, die von uns Tieren bei Revierkämpfen eingesetzt wird, einfach verstummen muss.

21. August 2012

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