
eil er unter den vielen Leuten nicht mehr so richtig zum Nachdenken kam, begab sich einer namens Simeon weit vor die Stadt und erklomm eine einzelne Säule, die als letzter Überrest eines heidnischen Tempels in der beginnenden Wüste stand.
Auf der winzigen Plattform richtete er sich ein und überlegte.
Der Regen, der ihm nächtens in den Mund fiel, stillte seinen Durst; den Hunger vergaß er.
Ein Hirt, der nach einem verlorenen Lämmlein suchte, erblickte ihn als erster und brachte die Nachricht zu Simeons ehemaligen Mitbürgern.
Bald fanden sich einzelne am Fuß der Säule ein und beteten. Er stand regungslos oben und dachte nach.
Immer mehr Menschen kamen, dann besonders auch kranke. Man führte Blinde heran, die ihre leeren Augen zu ihm hoben, trug Lahme herbei, damit sie die Säule berühren konnten, oder es kamen von bösem Auswuchs Verunstaltete und Aussätzige, die ihr wundes Fleisch am Marmor rieben. Dadurch wurden sie fast geheilt. Sie konnten zwar nicht etwa wieder sehen, oder gehen, oder verloren die Geschwülste und Pusteln, doch sie ertrugen ihr Leid fortan mit Gelassenheit.
Da Simeon inzwischen sehr abgenommen hatte, wünschten manche, des Himmels Gnade zu erwirken, indem sie dem heiligen Mann zu essen brachten. Sie spießten Brote auf Stangen und hielten sie ihm entgegen.
Die konkurrierenden Fladen, die vor seinen Augen schwankten, erinnerten ihn an den Hunger, den er schon vergessen hatte, und so begann er, hin und wieder nach einer der Stangen zu greifen, um sich einen Brocken abzubrechen. Schweigend kaute er und dachte dabei nach, so gut er noch konnte. Die Fäkalien aber, die nunmehr von der Säule herabfielen, wurden begierig aufgenommen, und vor allem von den Weibern als Reliquien in die Stadt getragen. Auf jede Darmentleerung folgte eine Prozession.
An Festtagen fand sich mittlerweile die halbe Stadt bei der Säule ein und sang Choräle.
Simeon wurde das Treiben unerträglich. Da hatte er es in der Stadt ja noch deutlich ruhiger gehabt. Nichts ist schlimmer als dumpfe Begeisterung, die zu einem in die Einsamkeit schallt.
Einmal erhob er die Stimme und rief der Menge wüste Schmähungen zu. Er war überrascht, dass er nach all der Nachdenkerei überhaupt noch sprechen konnte.
Die Menschen verstummten augenblicklich und fielen auf die Knie. Doch als er mit dem Schimpfen geendet hatte, begannen sie noch glühender zu singen, und der eine oder andere geißelte sich sogar und machte größeren Lärm als zuvor. Simeon sah ein, dass Worte keinen Sinn haben.
Es war allein die Zeit, die ihm zu Hilfe kam.
Nach und nach verloren nämlich viele die Lust, zu einem zu pilgern, der nur schwieg und sich die Ohren zuhielt, sobald man zu lobpreisen begann, und es wurde sozusagen zu einer Selbstverständlichkeit, dass vor der Stadt ein zerzauster Heiliger stand, der gegebenenfalls den Arzt ersetzen konnte. Den Kranken wiederum genügte es, die in allen Kirchen der Stadt ausgestellten Kristallkästchen mit den Reliquien darin zu küssen. Das war nicht ganz so ekelhaft und half ebenfalls.
Die Menschenansammlung unter der Säule dünnte also allmählich aus, und die, die noch kamen, wurden älter und älter, bis sie nacheinander das Zeitliche segneten. Eines Tages war der Mann erneut allein. Er kam nun wieder recht gut zum Nachdenken.
Doch was er auch herausfand, er musste es für sich behalten. Es brachte offenbar niemanden weiter, und nicht einmal ihn, der meist nur stocksteif unter einem gleichmütigen Himmel stand.
Als er keinen Zweifel mehr darüber hatte, dass Nachdenken zu nichts führt, und das Stehen auf einer einzelnen Säule, die in der beginnenden Wüste von einem heidnischen Tempel übrig geblieben ist, ebenfalls zu nichts, stieg er herab und begab sich zurück in die Stadt. Womöglich hatte er aber auch bloß Appetit auf ein Stück Fladenbrot.
Jedenfalls fiel es niemandem auf, keiner erkannte ihn, als er durch das Stadttor kam, er lebte künftig einfach wieder unter den Menschen und bettelte. Doch musste er nach einiger Zeit feststellen, dass das einzige, was den Städtern von dem Säulenheiligen im Gedächtnis geblieben war, jene Schmähworte waren, die er ihnen einst zugerufen hatte.
Kein Wunder, denn er hatte ja keine andere Weisheit von sich gegeben. Hatte er überhaupt eine andere gefunden? Diese eine hatte sich jedenfalls in den Köpfen festgesetzt. Ob ihm das als simpler Bettler zugute kam, wissen wir allerdings nicht.
26. Oktober 2010
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